Getasus hatte Faron dabei beobachtet, wie dieser sich von den Strapazen seiner Kopfschmerzen erholte und danach zu der Erkenntnis kam, die auch ihm im Hinterkopf herumgespukt hatte. Klar, dieser Ort war ein Schrein der Erde, da musste sich das, was immer es auch sein mochte, sehr wahrscheinlich tief unter der Oberfläche befinden. Doch wie sollte man dorthin gelangen? Getasus stampfte auf den Boden, dem er sich vorher nicht mit seiner vollen Aufmerksamkeit gewidmet hatte. Es war ein aus harten Felsgestein bestehender Boden, der von Sand bedeckt war. Wie sollte man durch diese harte Kruste in einen Teil unterhalb des Schreins gelangen?

Getasus lief, ohne die drei Anderen zu beachten, durch das von flackernden Orange durchflutete Innere des Turms und suchte den Boden mit seinen Augen ab. An einigen Stellen musste er seine Brille abnehmen, da die Dunkelheit zu stark zu sein schien. Doch nirgends in dieser Höhle gab es auch nur einen Anhaltspunkt dafür, wie man tiefer hervordringen konnte, geschweige denn wieder verschwinden. Doch daran wollte der Halb-Kokiri lieber noch nicht denken.

Nachdem er das gesamte Innere durchschritten hatte, stand er wieder in der Nähe von Faron, Mereko und Tiron. Mereko sah gelangweilt aus und spielte an dem Knauf seiner Waffe herum, als würde er nur darauf warten, dass Horden von Gegnern auf ihn einströmten, Faron schien genau das Gegenteil zu hoffen. Tiron blieb wie gewöhnlich kalt und wirkte abwesend. Als Getasus den Zora und den Magier nebeneinander sah, dachte er sich, wie ähnlich sie sich doch, trotz ihrer verschiedenen Herkunft, sein konnten. Die Zeit verrann, wie Sand in einer Sanduhr, die immer wieder nachgefüllt wurde. Stumm warteten die vier Gefährten darauf, das irgendetwas passieren würde. Was war wohl mit Sephiroth geschehen?

Plötzlich gab es ein Geräusch, das an Gurgeln und Ächzen erinnerte. Tirons Augen flackerten auf und Getasus hatte das Gefühl, als hätte dieser die ganze Zeit auf dieses Etwas gewartet. Rasch wurde es kälter in dem Raum und die Flammen züngelten kurz auf und flackerten dann etwas dunkler vor sich hin, als vorher. Getasus rief den anderen zu, sie sollten sich in Acht nehmen, doch es war zu spät. Etwas kam mit rasender Geschwindigkeit von der Decke herab und stieß auf Getasus nieder, begleitet von einem Stöhnen, das von hoch zu tief abnahm. In den alten Legenden, die für die Abschreckung von Dieben gedacht waren, wurde häufig von diesen Wesen erzählt. Das Violett der Haut wirkte Schwarz in den Feuern, die die Ölgräben warfen und Getasus konnte die Gesamtheit dieses Wesens nicht wirklich erkennen, doch er wusste, dass es aussah wie eine übergroße, von Narben zerfurchte menschliche Hand.

Der Griff schloss sich um ihn, wie ein Schraubstock und er fühlte die Kälte, die von dieser dämonischen Umarmung ausging. Wie schwarze, eisige Tinte sickerte das Gefühl in sein Blut ,in seine Adern. Er spürte, wie der Boden unter ihm verschwand und der Deckengrabscher ihn in die Höhe zog. Bar jeder Vernunft, schaffte es dieses Wesen gegen die Schwerkraft anzukämpfen und mit Getasus durch den Raum zu schleudern. Es stürzte in die Tiefe. Genau auf einen Trichter zu, der sich etwa auf halber Höhe zwischen Eingang und Steintafel bildete. Das letzte was Getasus erkennen konnte, waren die Gesichter seiner Freunde, die schnell an ihm vorbeizogen.

Die eisige Umklammerung und das Pochen eines unmenschlichen Pulses lies just in dem Moment nach, als sich der Trichter aus Sand komplett um ihn schloss, . Er hatte oft von Treibsand gehört und wusste auch, dass man in ihm keine Rettung erhoffen durfte, dennoch strampelte er mit seinen Beinen wild umher. Die Angst durchfuhr ihn wie tausend Nadeln gefolgt von einem explodierenden Zischen in seiner Brust.

Dann war es dunkel. Schwärze umgab ihn und die wilden Geräusche wie von zermalmenden Kiefern waren ebenso verschwunden wie das dämonische Orange, das zuvor noch sein gesamtes Sichtfeld umhüllte. Das einzige was noch zu hören war, war sein rasender Herzschlag und sein rasselnder Atem. Als auch dieser Verklungen war, hörte Getasus nur noch ein fernes, ganz leises Gluckern. Er hatte den Geschmack von metallernem Blut in seinem Mund und er spürte, als er sich mit der Hand an die Stirn griff, wie eine feuchte Lache sich auf ihr ausbreitete. Etwas fehlte. Sein sechster Sinn, mit dem er Leben in der Nähe aufspüren konnte war wie etwas, das nie zu existieren gewagt hatte. Stöhnend ließ er seine Hände durch die Nähere Umgebung tasten. Durch den weichen, fast lehmigen Boden. Er fand seine Brille und seine Fingerspitzen betasteten das zerbrochene Glas, an dem er sich wahrscheinlich schnitt, in der Dunkelheit konnte er das nicht richtig erkennen.

Die Finsternis machte ihm zu schaffen und er versuchte Licht hervorzurufen, doch ihm fehlte es an Kraft. An Kraft, die in seinem Kristall stecken mochte, doch dieser war nicht in seiner Nähe. Sein Atem schwoll an zu einem Schnauben und Hoffnungslosigkeit überkam ihn. Er stand auf, taumelte und versuchte einen Halt zu finden. In der Schwärze war es nicht auszumachen, wie groß die Höhle oder der Raum war in dem er sich befand.

„Hallo?“, reif er, doch es kam weder eine Antwort noch klang ein Echo nach. Alles bleib still und Getasus ging weiter in eine Richtung, hoffend eine Wand zu finden. „Hallo, ist da jemand? Faron? Mereko? Ist einer von euch hier? Tiron?“

Nachdem er einige Zeit umhergeirrt war und das dumpfe Pochen seines Blutes in seinen Ohren ein unerträgliches Maß an Lautstärke innehatte, begann Getasus leise zu summen. Eine fröhliche Melodie, die einem kokirischen Kinderlied glich. Es kam ihm ein wenig albern vor, deswegen hörte er wieder auf. Die Finsternis machte ihn fast wahnsinnig. Und diese Stille. Auch den Geruch, den er in einer unterirdischen Höhle erwartet hätte, war nicht vorhanden. Das muffige Aroma, das sich zumeist in solchen Orten ansammelte. Doch hier lag eher ein säuerlicher fast fruchtiger Hauch in der Luft. Er bückte sich und betaste wieder den weichen Boden, der ein wenig Rau war. Auch die Wärme an diesem Ort war seltsam vertraut. Nicht zu heiß, aber auch nicht zu kalt, fast schon angenehm. Während er darüber nachsann, hörte er Etwas, das wie der Fluss von Wasser klang. Wie ein leises Rinnsal, das über Steine plätscherte. Zunächst dachte er, dass er sich das Geräusch nur eingebildet haben musste, doch nachdem er die Richtung ausgemacht hatte, näherte er sich dieser Geräuschquelle.

Er legte seine Hand an die Wand, die vor ihm aufragen musste. Sie fühlte sich an, als sei sie von Moos überwuchert, irgendwie haarig. Er spürte die Flüssigkeit, die durch dieses Moosartige Gebilde floss, merkte aber, das es für Wasser ein wenig zu Dickflüssig war. Der Gelehrte schnupperte an seinen Fingern und der Geruch weckte einen Eindruck von Honig, von zuckersüßen Früchten und von frischem Gras. Er zuckte zurück, als die Wand sich bewegte. Nicht starr wie von einem mechanischen Effekt, sondern wie etwas lebendiges. Wie ein Lebewesen, das mit ihm in diesem unterirdischen Grabmal festsaß. Doch als er versuchte ein Lebewesen auszumachen, war es wieder so, als sei sein Sinn dafür verschwunden, dennoch war irgendwie die Präsenz des Lebendigen vorhanden. Danach hörte er das Zischen und merkte, wie ein Pulsieren durch die Luft ging. Ein kurzer Lichtblitz, dessen Quelle Getasus nicht ausmachen konnte, zuckte auf und er sah, warum es hier so ruhig war und was er für die Wände gehalten hatte. Er steckte inmitten einer, etwa 500 Fuß messenden Höhle, die statt Wände von rosaweißem Gewebe begrenzt wurde. An der Decke hing etwas, das Getasus nachdem der Blitz verloschen war, für ein Tier gewaltigen Ausmaßes hielt. Doch es konnte kein Tier sein, sonst hätte Getasus etwas von seinem Verstand mitbekommen.

Da hörte er das Gluckern, das Brodeln und das Rauschen, als hätte sich eine Luke geöffnet und ein Gestank traf ihn, den er nicht beschreiben konnte, da er so abartig war, dass sich kein anderes Wort als Ekelhaft fanden. Jetzt wusste er, wo er war. Er hatte recht gehabt, es war zwar kein Tier mit ihm hier unten, doch das Lebendige war dennoch hier. Er befand sich im Inneren eines gewaltigen Magens.